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Wenn der Wind pfeift sich dreht und wendet und ständig aus einer anderen Richtung weht, wenn Vollmond ist und die Sterne klar blinken, wenn der Winter mit dem Frühling streitet, dann soll man viele Stellen im Vogelsberg meiden. Es raschelt und raunt dann in den Büschen, es zieht aus allen Ecken, es laufen einem kalte Schauer über den Rücken, und man bekommt eine Gänsehaut. Will man jetzt wegrennen, sind Beine und Füße schwer wie Vogelsberger Basalt. Man steht starr vor Angst und wartet zitternd wie Erlenlaub, was da noch alle kommen möge.

Bild: Vogelsberg - geheimisvoll, urig und schön!
Der Vogelsberg mit all seinen für dieses Gebirge typischen Eigenarten hatte bestimmt einen entscheidenden Einfluss auf die Sagenbildung in unserem Raum. Berge und Kuppen mit markanten Felsgruppen, aus teils tief eingeschnittenen Tälern aufsteigende Nebel, Baumriesen in dichten Wäldern regten die Fantasie unserer Vorfahren zu Erzählungen an. In diesem natürlichen Umfeld nimmt der Mensch suggestive Erscheinungen und Ereignisse wahr, für die er Erklärungen sucht - und sie im Klingen versunkener Glocken findet oder im Getöse der wilden Jagd während der Frühjahrs- und Herbststürme. Doch das erklärt nicht alles; bestimmt kommen konkrete Tatsachen hinzu, die später zu großen Teilen in Vergessenheit geraten sind. Sicher sind in vielen Sagen auch vorchristliche Bestandteile enthalten und sicher sind unter dem Einfluss des Christentums heidnische Mythen 'verteufelt' oder durch christliche Vorstellungen ersetzt worden.

Bild: Vogelsberg - sprudelnde Wasser, heilige Quellen.
Die 'Sage' (althochdeutsch: Saga) war ursprünglichen eine Aussage, ein Bericht. In der Zeit der Romantik änderte sich die Bedeutung in einen Sammelbegriff für unterschiedliche Volkserzählungen, der bis heute beibehalten wurde. Unterschieden werden drei Gruppen: 1. die dämonischen oder Glaubenssagen (Sagen über Wasser-, Wind-, Waldgeister, Zwerge, Riesen, Drachen aber auch Hexen, Zauberer, Wiedergänger, Werwölfe),
2. die historischen oder Wissenssagen (Sagen über Kaiser, Helden, Kriege, Notzeiten, Furcht, Grauen, Bewunderung),
3. die aitiologischen oder Erklärungssagen (Sagen über das Woher der Dinge, Eigenarten der Natur, Bauwerke, Skulpturen, sonderbare Namen). Sagen sind meist lokal oder zeitlich gebunden, ihre Handlungen spielen in der Umwelt der Menschen, oft im dämonischen Bereich enden sie vielfach tragisch. Ihre sprachliche Ausgestaltung ist einfach, als epische Form wird oft nur der Dialog genutzt. Hierdurch unterscheiden sie sich von den Märchen. (Märchen stellen eine wunderbare Welt dar, in der die Sehnsüchte der Menschen Erfüllung finden. Sie haben damit besonders im religiösen Bereich eine Nähe zum Mythos. Ihre Erzählform wird den einfachen Formen der Dichtkunst zugerechnet. Die heute vielfach vorgenommene Einstufung in die "Kategorie Kinderliteratur" ist einseitig und willkürlich - Kritik an oft grausamen Inhalten deshalb unangebracht.)

Bild: Vogelsberg - sagenhafte schwarze Schmetterlinge.
Jakob und Wilhelm Grimm veranlassten mit ihren Sammlungen der 'Kinder- und Hausmärchen' und der 'Deutschen Sagen' (1812 - 1822) viele nachfolgende Wissenschaftler und Heimatkundler, Sagen und Märchen zu sammeln. Für unseren Raum waren das u. a. Johann Wilhelm Wolf 'Hessische Sagen' (1853), Theodor Bindewald 'Oberhessisches Sagenbuch' (1873), Hermann Knodt 'Die Sagen des Kreises Lauterbach' (1921), Wilhelm Müller 'Ober- hessisches Heimatbuch' (1926). Auf den folgenden Seiten wollen wir versuchen, Ihnen im Wesentlichen die Sagen und Märchen dieser 'Sammler' näher zu bringen, auch wenn wir sie ab und zu mit weiteren Geschichten und Schwänken aus dem Vogelsberg ergänzt haben. Dass manche 'Geschichten' hierbei doppelt vorkommen, liegt an den Sammlungen der einzelnen Autoren.
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