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Theodor Bindewald: 'Oberhessisches Sagenbuch'
Aus dem Volkmunde gesammelt, Frankfurt 1873

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
149. Spuk in den Hommelwiesen

Ein Unterförster von Heimertshausen, der bei jedermann in gutem Ansehen stand und dem niemand eigentlich etwas Böses nachsagen konnte, sollte, dem Leutgeschwätz nach, ruhelos nach seinem Tode im Reviere umgehen, doch wußte man nicht recht, was der Märe war. Einst hütete der Schäfer auf den Hommelwiesen und betrachtete sich zufällig den gegenüberliegenden Wald. Da kam plötzlich auf den Wipfeln der Bäume ein Mann daher, und als er mit Erstaunen immer aufmerksamer diesem Wunder zusah, schien ihm der Umgehende ganz bekannt zu sein, und richtig, er war's leibhaftig, der verstorbene Unterförster. Ganz wie sonst, ging er den ihm anvertraut gewesenen Wald ab in seiner gewohnten alltäglichen Jagdkleidung, und erst, als er an die Zeller Grenze kam, verschwand er vor den Augen des Schäfers.
Die Enkelchen dieses Unterförsters waren kleine Mädchen und suchten in den Hommelwiesen Erdbeeren. Ganz erfreut kamen sie von dem Gange nach Hause und sagten zu ihrer Mutter: „Heut war auch unser Großvater bei uns." Diese und noch andere Historien wurden bekannt, und der Sohn des Verstorbenen beschloß daher, durch Zauberei dem ärgerlichen Dinge ein Ende zu machen. Durch einen klugen Mann ließ er den unruhigen Geist fangen, und dieser trug ihn dann in einem Ranzen in den Dünzenröder Teich. Dahinein ist er nun gebannt, und seitdem hat er sich nicht wieder auf Erden angezeigt.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
150. Der Grenzreiter

Vor langer, langer Zeit waren einmal die beiden Gemeinden Bersrod und Reiskirchen in einen sehr heftigen Streit geraten wegen eines gemeinschaftlichen Waldes, und um denselben zu beendigen, beschlossen sie, denselben zu teilen, indem sie die Sache einem Gottesurteil anheimstellten. Zu diesem Zweck ward von beiden Seiten ein bis dahin unbescholtener Mann aus einem Nachbarsdorfe erwählt, der auf einem Schimmel mit verbundenen Augen mitten durch den Wald reiten und also die Grenze für Kind und Kindskind feststellen sollte. Allein die Reiskircher bestachen ihn heimlich mit einem großen Stück Geld, daß er ein Schelm ward, trotz seines Eides das Tuch lüftete und es so zu veranstalten wußte, daß der größte Teil des Eselswaldes und vorab der wertvollste Schlag alter, dicker Eichen ihnen zufiel, wodurch er die Bersröder in nicht geringen Zorn brachte. Dieser ungetreue Mann geht seit seinem Tode, nachts zwischen elf und zwölf, zu besonderer Zeit im Jahre, ruhelos um, und man sieht ihn noch heutigentags auf seinem gespenstigen Gaul den Weg im Walde dahertraben und die Grenze abreiten.
Andere aber legen die Sache anders aus. Sie sagen : es sei der wilde Jäger, der bald zu Fuß, bald zu Roß daselbst sein schauerliches Wesen treibe und mit einer ganzen Herde Hunde unter höllischem Jauchzen, Getöse und Getümmel alljährlich um die Sonnenwende vorübersause.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
151. In der heiligen Seif

„In der heiligen Seif", dem sumpfigen Wiesengrund unter der Altenburg bei Sichenhausen, geht zur Nachtzeit ein grausiges Gespenst um. Es ist ein Weibsbild, schwarz bis zum Nabel, und hat eine weiße Haube auf dem Kopfe, Leib und Beine aber sieht man nicht. Wie ein halber Mensch schwebt es an jenem Platze an der Erde herum. Die Leute sagen, deshalb ginge es um, weil es bei Leibes Leben die Grenzen verrückt hätte, die dort von Kaulstos, Burkhards, Oberseemen, Herchenhain und Hartmannshain zusammenstoßen

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
152. Ein nächtlicher Umgänger

Von Schotten zurück ging ein Mann des Nachts durch den Laubacher Wald. So kam er auch, ohne daran zu denken, auf jene Waldschneise, welche der „toten Frau Weg" heißt, weil da vor Zeiten einmal aus Rache ein Mann seine Frau soll erschlagen haben. Hier angelangt, sieht er einen einzelnen Menschen unter einem Baume stehen, als wär's ein Wilddieb oder sonst einer, der das findet, was andere nicht verloren haben. Mit einigem Herzklopfen trat er zu demselben heran, aber bald erkannte er in ihm einen Handwerksmann aus Freienseen, den er schon hie und da gesprochen hatte, und freute sich nicht wenig, daß dieser in der späten Nachtstunde noch auf ihn wartete. Er bot ihm also freundlich die Zeit und fragte ihn, ob er auch des Wegs fort wolle, so könnten sie zu zweit gehen. Der Freienseener bejahte das, gesellte sich auch alsbald zu ihm, und sie redeten von allerlei Dingen, wie sie ihnen gerade einfielen, daß ihnen der Gang kurzweilig genug dünkte. Indem zeigte sich ein Kreuzweg, und wie angewurzelt blieb der Freienseener stehen. „Nun", sagte der andre, „warum rührst du dich nicht vom Flecke?" - „Ach", antwortete er, „ich kann und darf nicht." - „Du bist mit der Pelzkappe geschossen, daß du so redest; was in aller Welt ficht dich an?" - „Ei, weißt du denn nicht, daß ich schon seit zwei Jahren tot bin?" - Da blieb dem Frager das Maul von selber stillstehen vor Grusel, doch jener fing wieder an: „Ja, ja, so ist's, ich bin tot seit zwei Jahren, aber unselig und verdammt und muß hier nächtens umgehen zur Strafe meiner Sünde." Darauf stieß er einen schmerzlichen Seufzer aus und war weg, als ob er in den Boden versunken wäre. Daß mein Mann von dem Platz davonrannte, als ob er's bezahlt bekäme, braucht man nicht zu sagen. Als aber wieder einmal in Freienseen Markt und er gerade dort war und sich nach dem nächtlichen Umgänger erkundigte, hörte er die verwunderliche Märe, dass derselbe wirklich schon seit zwei Jahren auf dem Kirchhof liege.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
153. Der Geist an der Gerstbach

Wenn man inne wird, daß ein wandernder Geist einem folgt, darf man ihn nicht mit über fließendes Wasser nehmen, sonst gerät man in seine Gewalt und ist ewig verloren. Ein Lardenbacher Mann ging den Weg über den Berg nach Freienseen herab, der „die Schlinke" heißt, und sah eine unheimliche, schwarze Gestalt, einen verwunschenen Geist, stillschweigend neben sich hergehen, daß ihm, trotz der sternhellen Nacht, die Haare zu Berg stiegen ob solcher Gesellschaft. Als er aber vor dem Wässerlein des Grundes, „die Gerstbach" geheißen, anlangte, wendete er sich resolut um und sprach: „Bist du von Gott, so nahe dich, bist du vom Bösen, so weiche von mir!" - Da pustete der Geist ihm mit Feuer ins Angesicht, das flog um ihn wie ein Sichling Stroh, der brennt, und war fort im Augenblick; man sah ihn nach Sellnrod zu davonfliegen.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
154. Bei der Wingen-Eicher Brücke

über welche der gewöhnliche Fahrweg nach Ruppertenrod von Großen-Eichen führt, hat ein Dörflein gestanden, dessen Dasein noch durch mancherlei Namen der Gemarkung bezeugt wird. Wann dasselbe ausgegangen ist, darüber gibt jetzt keine Urkunde mehr Auskunft. Der Platz selbst wird bei Nachtzeit nicht gern betreten, denn es spukt daselbst in mancherlei Weise. So hat der Großen-Eicher Schulmeister dort ein Grundstück. Einst hatte er den Pferch gestrichen, und der Schäfer lag in seiner Hütte, vor sich angebunden den Hund zur Wacht. Elf Uhr schlug es im Dorf, da sprangen alle Schafe wie rasend empor, blökten jämmerlich, rannten verschüchtert hin und her, und weder der Hund noch der Zuruf des Schäfers konnte sie zur Ruhe bringen. Mit Gewalt sprangen sie über die Hürden und wie der Sturmwind liefen sie in das Dorf zurück, und dieser Vorfall wiederholte sich allnächtlich, so daß der Pferch abgefahren werden mußte. Später erfuhr der Schäfer, daß dieser Schulacker der frühere Kirchhof von Wingen-Eichen gewesen sei, und wußte sich nun seinen Vers darüber zu machen.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
155. Im Floswiger Kirchenstumpf

Nicht weit von dem Städtlein Wenings stand ehedem ein Pfarrdorf, das hieß Flosbach, und ist jetzt ausgegangen. Man nennt den Ort, wo seine Kirche gestanden und sich noch Mauerreste zeigen, den „Floswiger Kirchenstumpf". In der Gegend des Chores sollen allerlei Kostbarkeiten unter der Erde liegen. Allemal aber, wenn in Wenings die Kinder konfirmiert werden, jedes siebente Jahr am hellichten Tage, sieht man dort ein Kind in weißem Gewande mit goldgelbem, ringeligem Haar sitzen und hört es gar jämmerlich schreien. Das ist vor Zeiten von seiner grausamen Mutter dort ums Leben gebracht worden. Mitunter sieht man auch dort Wäsche ausgebreitet, die hängt in der Luft auf den Sonnenstrahlen.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
156. Auf ewig verloren

Vor langen Zeiten arbeitete ein Mann aus Bollnbach unter dem Wirberg auf einer Wiese, es war im Frühjahr und gegen Abend hin. Da fuhr mit entsetzlicher Geschwindigkeit und unter starkem Gedröhne eine große, feurige Kugel den Klosterberg herab und gerade auf ihn los, daß vor Angst die Haare ihm zu Berg stiegen. Zugleich vernahm er in der Luft eine laute, klägliche Stimme: „0 weh, o weh, o weh!" - Zitternd vor Aufregung rief er: „Kann ich helfen?" Da antwortete es ihm: „Oh, komme doch um dieselbe Tageszeit auf den Himmelfahrtstag wieder hierher und halte nur deinen eisenbeschlagenen Stock fest vor dich; da kannst du dann ein gutes Werk tun, und es geschieht dir nichts!" Der Mann sagte zu, und das Ding verging ihm vor den Augen. Auf den festgesetzten Termin machte er sich an den wohlbekannten Platz. Er brauchte nicht lange zu warten, denn dieselbe Erscheinung kam wieder. Aber diesmal war alles furchtbarer als sonst. Die ganze Natur war wie im Aufruhr, der Wind sauste heulend ihm um die Ohren, und die feurige Kugel, in der Größe eines Fasses, rollte nicht bloß mit unbeschreiblicher Schnelligkeit den Berg herab, sondern riß auch alle Sträucher und Steine auf ihrem Weg mit sich fort. Mein Mann stand und hielt herzhaft seinen Stecken vor sich, und eine Stimme ermutigte ihn: „Sei getrost und fürchte dich nicht!" Als er aber mit der Kugel auch alles ringsum auf sich losstürmen sah, erfaßte Grausen seine Seele, er dachte: du behältst kein ganzes Bein am Leib, und sprang daher, so hurtig er konnte, beiseite. Jetzt rief's mit kläglichem Gebrüll, daß ihm das Blut zu Eis erstarrte: „Nun bin ich auf ewig verloren!" Es tat einen Knall, daß einem davon das Trommelfell hätte platzen können, und damit hatte die ganze Geschichte ihr Ende. Der verwunschene Geist war rettungslos der ewigen Qual verfallen.

  

Werwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen
157. Die Pferdeköpfe

Einem grundreichen Bauer in einem Vogelsberger Dorf starb zu seinem großen Leidwesen die Frau und wurde öffentlich begraben. Weil aber der Mann sie sehr lieb gehabt hatte, konnte er keine Stund und Minute die Gedanken an sie loswerden. Als er nun eines Abends ganz betrübt in der Ofenecke saß und um sie weinte, hörte man drei starke Schläge an die Haustüre.
Da sandte der Mann seinen Knecht hinaus, daß er sähe, was das zu bedeuten habe. Dieser kam gleich wieder zurück und war weiß unter der Nase und zitterte am ganzen Leibe. „Herr", sagte er, „unsere selige Frau steht draußen und begehrt Einlaß." - „Was schwatzest du da für Verkehrtheiten?" antwortete der Mann, „das ist ebenso wenig wahr, als meine zwei Schimmel eben zum Bodenloch herausgucken."
Doch was geschah? Auf einmal ging es trapp, trapp die Treppe hinauf, die Stubentür fuhr auf, und die tote Frau trat leibhaftig herein. Die Schimmel guckten aber wirklich zum Bodenloch mit ihren Köpfen heraus.
Zum Gedächtnis dieser Wundergeschichte ließ der Mann, der sie nur mit Mühe wieder vom Boden herabbringen konnte, später zwei hölzerne Pferdeköpfe machen, die sieht man noch jetzt aus dem Loche herausgucken. Der Name des Dorfs ist mir in Vergeß gekommen, aber, wenn mein Großvater noch lebte, der wüßt's zu sagen.

 

 

 

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